E-Bikes tunen – Übersicht Recht und Gefahren

E-Bikes / Pedelecs tunen?
Das Tuning von 25 km/h-Pedelecs ist technisch meist kein Problem und inzwischen offensichtlich verbreitet. Experten warnen jedoch eindringlich: Nehmen dem Verlust aller Garantien und des Versicherungsschutzes drohen sogar Haftstrafen!

E-Bike-Tuning ist verführerisch

Das Tunen von E-Bikes ist sehr verführerisch. Tatsächlich ist die Begrenzung auf 25 km/h (plus Toleranz) bei der Pedelec-Klasse vielfach ein Ärgernis. Vor allem, wenn der Motor nicht entkoppelt und man, sobald die Unterstützung aufhört, gegen einen Widerstand antritt.* Auf die jeweiligen Antriebssysteme zugeschnittene E-Bike-Tuning-Kits gibt es zum Bestellen im Internet. Sie kosten zwischen 100 und 200 Euro und sind laut Herstellerangaben mit wenigen Handgriffen montiert und im Bedarfsfall wieder demontiert. Das E-Bike würde so in den „ursprünglichen Zustand“ zurückversetzt. Alles also kein Problem, oder?

*Unser Tipp: Tretwiderstände haben lange nicht bei alle E-Bike-Antriebe und selbst Hinterradmotoren der neuesten Generation verfügen inzwischen über eine ausgeklügelte Steuerung, die den Widerstand aufhebt. Lassen Sie sich vom Fachhändler beraten und vergleichen Sie das Verhalten, wenn möglich jenseits von ca. 27 km/h, bei einer Probefahrt.

Zweirad-Experten warnen eindringlich vor E-Bike-Tuning aller Art

„Unsere Einschätzung ist, dass kaum noch Verbraucher zu Tuning-Tools greifen würden, wenn sie die möglichen Folgen bei einem Garantiefall, dem Wiederverkauf, einer Polizeikontrolle oder einem Unfall tatsächlich absehen könnten“, so Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verband e. V. (ZIV) zum Thema E-Bike-Tuning gegenüber dem Fachmedium Velobiz.de. Hohe Risiken und großen Aufklärungsbedarf beim Tunen von E-Bikes sieht auch der Diplom-Ingenieur und Sachverständige Dirk Zedler (Zedler Gruppe):

„Die Tatsache, dass durch Tuning aus dem Pedelec ein Kraftfahrzeug wird, hat schwerwiegende Konsequenzen.“  (Anm.: Versicherungsrechtlich und sogar strafrechtlich.)

E-Bike tunen kann schnell entlarvt werden

Nach den Erfahrungen von Dirk Zedler wird bei der Untersuchung des E-Bikes durch einen Sachverständigen „sehr schnell klar, ob die maximale Geschwindigkeit manipuliert wurde.“ Durch verschiedene Parameter lasse sich sehr leicht aus dem E-Bike-Antriebssystem ablesen, ob hier von außen eingegriffen wurde. „Die Elektronik speichert die Daten wie bei einem Fahrtenschreiber. Bereits die hinterlegte Durchschnittsgeschwindigkeit reicht für uns als Indikator, um zu erkennen, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht. Tuner werden so sehr schnell und zweifelsfrei entlarvt.“
Auch das Abmontieren von E-Bike-Tuning-Tools, wie Dongles hilft dementsprechend nicht.

Das droht beim Tunen von E-Bikes

Der Verlust aller Gewährleistungs- und Produkthaftungsansprüche auf den E-Bike-Antrieb, das E-Bike selbst, nebst der verbauten Komponenten ist noch die geringste mögliche Folgewirkung. Dazu Rechtsexperte Roland Huhn vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club ADFC e. V.:

  • Vor allem droht der Verlust des Versicherungsschutzes durch die Privathaftpflichtversicherung. Sie tritt nur für Fahrrad und Pedelec 25 ein. Die aufgrund der Steigerung der Höchstgeschwindigkeit vorgeschriebene und durch ein Versicherungskennzeichen nachzuweisende Pflichtversicherung (§ 6 Pflichtversicherungsgesetz) wird bei manipulierten Pedelecs in aller Regel fehlen.
    Anm.: Das kann den finanziellen Ruin zur Folge haben, weil der Fahrer bei einem verschuldeten Unfall mit seinem gesamten Vermögen für angerichtete Schäden haftet.
  • Problematisch ist auch das Fahren ohne Fahrerlaubnis, wenn der Fahrer keine hat, bzw. das Zulassen des Fahrens ohne Fahrerlaubnis, wenn der Halter jemand anderen ohne Fahrerlaubnis fahren lässt: § 21 Straßenverkehrsgesetz – StVG.
    Pot. Folgen des E-Bike-Tunings: Hier drohen zwei oder drei Punkte im Fahreignungsregister und gemäß Strafrecht Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr.
  • Fahren ohne Versicherungsschutz, § 6 Pflichtversicherungsgesetz.
    Hier droht ebenfalls eine Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr.
  • Fahren trotz fehlender Betriebserlaubnis. Ordnungswidrigkeit nach § 48 Fahrzeug-Zulassungsverordnung – FZV, Bußgeld 70 Euro und ein Punkt im Fahreignungsregister.

Diese Delikte sind laut ADFC auch in Tateinheit möglich (Fahren ohne Betriebserlaubnis, Versicherungsschutz und Fahrerlaubnis).
Wozu es im Einzelfall kommt ist eine Einzelfallentscheidung der Gerichte. Laut Gutachter Dirk Zedler sind inzwischen eine ganze Reihe von Verfahren anhängig. Aufgrund der Verfahrensdauer ist jedoch erst in nächster Zeit mit Urteilen zu rechnen.

E-Bike Tuning-Dongle

Nutzung nicht im Bereich der StVO! Hersteller von E-Bike-Tuning-Tools schützen sich durch Warnhinweise. Käufer sollten sich jedoch über die weitreichenden Folgen im Klaren sein.

 

Unser Tipp für den Gebraucht-E-Bike-Kauf

Informieren  Sie sich durch einen Check beim Fachhändler vor dem Kauf auf jeden Fall über den genauen Zustand des E-Bikes. Dazu gehört vor allem die Kontrolle des E-Bike-Akkus und des Motors sowie der Verschleißteile. Zudem sollte der Ausschluss des Einsatzes von Tuning-Tools sichergestellt werden. Am besten lassen Sie sich vom Verkäufer im Kaufvertrag schriftlich zusichern, dass keine Tuning-Maßnahmen erfolgt sind.

Fahrrad- und E-Bike-Händler sind laut ZIV zudem aufgefordert ihre Kunden schriftlich über die Folgen von E-Bike-Tuning zu belehren. Unter anderem:

  • etwaige Führerscheinpflicht oder Pflicht für mindestens Mofa-Prüfbescheinigung
  • ggf. Versicherungspflicht 
  • ggf. Helmpflicht 
  • ggf. Betriebserlaubnispflicht 
  • sonstige Mindestausstattungsmerkmale bei Absicht zur Nutzung im Bereich der StVO
Achtung: Immer wieder werden unserer Recherche nach in Foren falsche Tatsachen ungeprüft weiterverbreitet und mögliche Tuning-Folgen verharmlost. Beispiele:

These: Der Wald ist Privatgelände
Auch Waldgebiete sind in der Regel (wenn nicht anders ausgewiesen oder umzäunt) öffentliche Räume, auf denen Pedelecs wie Fahrräder in aller Regel erlaubt sind. Nicht jedoch Kraftfahrzeuge. Ausnahmen gibt es z. B. bei privaten Rennstrecken, Flughafengelände etc.

These: „E-Bike-Motorhersteller wie Bosch kontrollieren nicht bei Reklamationen.“
Dem ist nach Aussagen aus der Branche wohl definitiv nicht so. Ganz im Gegenteil. Inzwischen haben Händler und Hersteller das Thema E-Bike-Tuning sehr genau im Auge.

These: „E-Bike-Tuning kann nicht nachgewiesen werden.“
Doch! Die Daten werden im Antriebssystem gespeichert und können – auch nach einem Verkauf – noch Jahre später problemlos ausgelesen werden. Händler und Gutachter erkennen bei getunten E-Bikes auch im Nachhinein sehr schnell Anomalien, wie z. B. erhöhte Durchschnittsgeschwindigkeit oder erhöhten Energieverbrauch in Korrelation zur gespeicherten Geschwindigkeit und Entfernung.

These: „Die Polizei kontrolliert E-Bikes ja eh nicht.“
Die Polizei ist schon vor längerer Zeit auf das Thema tunen von E-Bikes / Pedelecs aufmerksam geworden. Mit Schaubildern wird geschult, wie man illegales Tuningzubehör entdecken kann. Zudem können mobile Rollenprüfstände zum Einsatz kommen. Das E-Bike kann im Verdachtsfall sichergestellt und von einem Sachverständigen geprüft werden.

These: „E-Bike-Tuning ist wie früher beim Mofa doch ein Kavaliersdelikt.“
Im Gegensatz zum Mofatuning macht man beim E-Bike-Tuning aus einem Pedelec ein Kraftfahrzeug (Anm.: EU-Klasse L). Mit ganz erheblichen Konsequenzen.

These: „Nach dem Abnehmen des Tuning-Tools ist das E-Bike wieder im Normalzustand.“
Falsch! Gewährleistungen und Garantie sind damit verwirkt und bei einem Verkauf drohen selbst nach Jahren Schadensersatzansprüche. Experten verweisen zudem darauf dass die eingesetzten Komponenten für höhere Durchschnittsgeschwindigkeiten in keiner Weise ausgelegt sind. Wichtig vor allem in Bezug auf die Bremsen, aber auch auf andere Teile, wie Lenker , Gabel und Rahmen.

These: „Es passiert schon nichts!“
Ja, das wünschen wir natürlich auch allen!
Bei einem Unfall setzen die Versicherungen allgemein einiges daran, um Schadensfälle gutachterlich zu klären und möglichst wenig zu zahlen. Dazu gehört auch, ggf. Unfallgegnern mit einem Gutachten eine Mitschuld nachzuweisen. Bei Verdacht auf E-Bike-Tuning kann es hier sehr leicht zu ernsten Problemen kommen. Bis hin zur Privatinsolvenz des Tuners durch pot. hohe Ausgleichszahlungen an den Unfallgegner oder Verlust des eigenen Schutzes.

Anmerkung in eigener Sache:
Ob man das Risiko beim Tuning eingeht oder nicht, muss jeder für sich entscheiden.
Allerdings sollte man sich unserer Meinung nach über die Rechtslage und mögliche Folgen bewusst sein.
Wer schneller fahren will, dem raten wir generell zu einem S-Pedelec. 

Text: Reiner Kolberg / www.buerokolberg.de
Bild: Fotolia © mmphoto

 

VN:F [1.9.22_1171]
Wie bewerten Sie diesen Artikel?
Rating: 5.0/5 (2 votes cast)
E-Bikes tunen - Übersicht Recht und Gefahren, 5.0 out of 5 based on 2 ratings

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Bitte geben Sie hier den richtigen Wert ein. *