E-Bike-Test 2014: Stiftung Warentest mit zweifelhaften Ergebnissen

„Elektrofahr­räder: Die Qualität ist mess­bar gestiegen“ konstatiert die Stiftung Warentest in ihrem aktuellen E-Bike-Test. Trotz der besseren Noten kritisieren Hersteller, Gutachter und Verbände das Vorgehen der Warentester scharf und ziehen die Ergebnisse  in Zweifel.

Cover E-Bike-Test Stiftung Warentest 08 2014Bereits im letzten Jahr hatte es einen Pedelec-Test der Stiftung Warentest gegeben, der von der Zweiradwirtschaft, aber auch vielen weiteren Experten massiv kritisiert wurde. Dazu haben wir in mehreren Beiträgen auf www.e-bikeinfo.de wie viele andere Medien – von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, über die VDI Nachrichten und Fachzeitschriften, bis hin zu Rundfunk und Fernsehen – ausführlich berichtet. Auch jetzt werden wieder schwere Vorwürfe gegen die Warentester laut. Dabei geht es nicht etwa darum, dass die E-Bikes zu hart getestet worden wären, wie vielfach vermutet wird und die Stiftung immer wieder betont, sondern um teilweise grundsätzlich falsche E-Bike-Testungen, Intransparenz und Merkwürdigkeiten in den Aussagen.

Bewerten die Warentester E-Bikes bewusst falsch?

Vieles spricht aktuell für diese Annahme. Denn nicht nur betroffene Hersteller weisen die E-Bike-Testergebnisse von Warentest scharf zurück, auch der renommierte Fahrradprüfer und Sachverständige Dirk Zedler, in dessen Institut Warentest Bereichsleiter Test Dr. Holger Brackemann noch im letzten Jahr zu Besuch war, spricht von „fatalen Ungereimtheiten„.
Seine zentralen Vorwürfe: Das Testfeld war nicht marktrepräsentativ, baugleiche Räder erhielten unterschiedliche Bewertungen, im Test aufgetretene Brüche werden nicht praxisgerecht bewertet. Damit legt der renommierte Fahrrad- und E-Bike-Tester den Schluss und den in der Vergangenheit durch viele Unternehmen, nicht nur in der Fahrradbranche geäußerten Verdacht nahe, dass die Stiftung Warentest bewusst so testet, dass negative Ausreißer produziert werden.

Wieder breite Kritik am Testverfahren – auch vom Zweirad-Industrie-Verband

Die von der Stiftung Warentest veröffentlichten Ergebnisse lassen auch aus Sicht des Zweirad-Industrie-Verbands ZIV den Schluss zu, dass die angewendeten Prüfmethoden „nicht der realen Nutzung“ entsprechen. So gibt es nach ZIV Geschäftsführer Siegfried Neuberger „immer noch Punkte, bei denen die Prüfkriterien hinterfragt werden müssen, z.B. bei der Fahrstabilität und der Prüfung der Sattelstützen“. Insbesondere der zweite Punkt – ein angeblicher Bruch der Sattelstütze, der laut dem betroffenen Hersteller Derby Cycle in der Praxis bei über 100.000 Rädern der Fahrrad- und E-Bike-Marken Raleigh und Kalkhoff noch nie aufgetaucht ist (* s. unten), erinnert stark an das letztjährige Testergebnis, in dem die Warentester Rahmenbrüche bei E-Bikes der Marke Flyer diagnostizierten. Diese Vorwürfe erwiesen sich nach umfangreichen Nachtests der Hersteller als ebenso fragwürdig wie der Vorwurf, die Motoren würden wichtige Funkverbindungen von Rettungsdiensten, Polizei und Feuerwehr stören. Denn weder traten diese Phänomene in der Praxis auf, noch ließen sie sich durch Nachtests der E-Bikes reproduzieren. Ganz im Gegenteil wiesen die Ergebnisse auf inadäquate Testverfahren, schlampige Tests und sensationsheischende Interpretationen hin.

„test“ der Stiftung Warentest – weißer Ritter oder Panikmache?

Nicht nur nach dem E-Bike-Test des vergangenen Jahrs sieht sich die Stiftung Warentest mittlerweile immer häufiger massiven Vorwürfen ausgesetzt. Zuletzt wehrte sich die Schokoladenmarke Ritter Sport mit einer einstweiligen Verfügung gegen nach Meinung der Richter offensichtliche Falschaussagen. Auch beim aktuellen E-Bike-Test gibt es Vorwürfe, die an der Rolle der Warentester als Anwalt der Verbrauchers starke Zweifel aufkommen lassen. So stellt der Gutachter Dirk Zedler, der bereits bei einer Podiumsdiskussion im letzten Jahr scharfe Kritik an seinem Gegenüber Dr. Holger Brackemann geübt hatte fest, die Stiftung Warentest würde eigene Fehler aus dem letzten E-Bike-Test gezielt vernebeln. Manche Aussagen seien „schlichtweg falsch dargestellt“, wie etwa die Behauptung von Stiftung Warentest, dass die E-Bike-Industrie als Mitglied des Fachbeirats den Warentestern geraten habe, die Prüfmethoden vom Vorjahr weitestgehend unverändert zu lassen.

E_Bikes_1_heft_test-082014Auch die von den Warentestern assoziierte Behauptung „Zentrale Schwach­stellen des letzten Tests“ seien (nicht zuletzt dank Warentest) abgestellt, halten einer Überprüfung nicht stand. Beispiel Bremsen: Die Auswahl der Räder „Alle sind mit gut abge­stimmten hydrau­lischen Bremsen ausgestattet“ geht allein auf die Stiftung Warentest selbst zurück. Für einen etwas geringeren Preis bieten die meisten Hersteller auch E-Bikes mit einfacheren Bremsen an. Das war im letzten Jahr so, das ist dieses Jahr so und das wird sich auch im kommenden Jahr nicht ändern, solange E-Bikes für deutlich weniger als 2.000 Euro angeboten werden.

Verbraucherinformation? Mangelhaft!

Damit erfüllt die Stiftung ihren selbst gestellten Anspruch beratend im Verbraucherschutz tätig zu sein keineswegs. Noch einmal Dirk Zedler: „Bei dem einmal jährlich stattfindenden Test der Stiftung Warentest muss aber unserer Ansicht nach der Markt abgebildet werden. Und dazu gehören Pedelecs für 699 Euro. So, das kommt hinzu, produziert die Stiftung Warentest unseres Erachtens nach ‚Verlierer‘, die nachweislich in der durchaus kritischen Nutzer- und Händlergunst vorne liegen, indem sie die schlechten Noten erhalten, die eigentlich und gerechterweise den wirklich schlechten Billig-Produkten des Marktes vorbehalten sein sollten.“

In die gleiche Richtung gehen auch die Vorwürfe des unabhängigen und herstellerneutralen Branchenverbands VSF g.e.V. dem unter anderem viele kritische Fachhändler angeschlossen sind, denen Materialfehler bedingt durch Kundenbeschwerden im allgemeinen als Erstes auffallen. Grundsätzlich sieht der VSF es kritisch, dass die StiWa bei ihrem erneuten Test wiederum ein nicht repräsentatives Testfeld herausgreift, nämlich ausschließlich die Preisklasse ab 2.300,- Euro aufwärts:

„Der Markt ist sehr viel breiter und zur Verbraucheraufklärung würde es gehören, Pedelecs unterschiedlicher Preisklassen zu testen, so wie es die StiWa ja auch mit anderen Konsumgütern macht. Den Verbraucher interessiert doch vor allem die Frage: Welche Qualität erhalte ich für welches Geld? Welche Investition lohnt sich für mich? Hier bietet der aktuelle Test leider keine Antworten und bietet keinerlei Verbraucherinformation.“

Stiftung Warentest hat ein Qualitätsproblem

Mit diesem Satz bringt der VSF, der seit Jahren den direkten Dialog mit der Stiftung Warentest pflegt in einer aktuellen Pressemitteilung die Dinge aus seiner Sicht auf den Punkt. „Neben persönlichen Gesprächen mit dem Bereichsleiter Untersuchungen bei der StiWa gab es u.a. bereits 2010 eine Podiumsdiskussion auf dem vivavelo Kongress sowie 2013 einen Fachdiskurs im Rahmen der VSF-Jahrestagung in Bad Boll. Auch in den Fachbeirat der StiWa zur Vorbereitung des aktuellen Tests haben wir durch die Teilnahme zweier VSF-Experten unseren Sachverstand einzubringen versucht. Der jetzt veröffentlichte E-Bike-Test spiegelt dieses Bemühen um fachliche Verbesserungen leider nicht wider. Deshalb werden wir jetzt bei Verwaltungsrat, Vorstand und Kuratorium der Stiftung Warentest intervenieren und auf die klaren Qualitätsmängel bei den Tests hinweisen.“

Stellungnahmen und weitere Informationen:

* Unter den getesteten Modellen befinden sich mit dem Kalkhoff Agattu Impulse 8R HS und dem Raleigh Dover Impulse 8R HS auch zwei E-Bikes von Derby Cycle. Obwohl die Derby Cycle Modelle im Bereich Fahrverhalten und Fahrsicherheit als Sieger aus diesem Test hervorgehen und auch den Reichweitentest mit einer Maximalreichweite von 100 Kilometern sowie das Ausstattungsranking (Bremsen, Licht) klar anführen, erreichen beide E-Bikes im Gesamtergebnis dennoch keine Bestnoten. Beanstandet werden von der Stiftung Warentest ein Bruch im Bereich der Sattelstützenklemmung beim Kalkhoff sowie ein Anriss der Sattelstütze am Außenrohr beim Raleigh E-Bike. Derby Cycle geht davon aus, dass der Bruch, aber auch der Anriss das Ergebnis nicht praxis- und normgerechter Testaufbauten sind. Auf beide Modelle gibt es eine erweiterte Garantie auf den Rahmen von 10 Jahren.

Mehr zu den technischen Hintergründen in Kürze auf www.e-bikeinfo.de

Bilder:
Stiftung Warentest

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