Zweifelhaft? Stiftung Warentest untersucht E-Bikes

Nur zwei mal „Gut“ hat die Stiftung Warentest im aktuellen Heft für die getesteten Pedelecs vergeben. Viele Fahrradhersteller und Verbände widersprechen allerdings. Und auch renommierte Prüfinstitute kritisieren scharf die mangelnde Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Tests.
E-Bike auf dem Prüfstand bei der Stiftung Warentest

E-Bike auf dem Prüfstand bei der Stiftung Warentest

Risiko E-Bike / Pedelec?

Die Stiftung Warentest hat für die Juni-Ausgabe 2013 der Zeitschrift test bei 16 Pedelecs zwischen 700 und 2690 Euro das Fahrverhalten, die Sicherheit und das Antriebssystem überprüft. Neben allgemeiner Verunsicherung bei Kunden dürfte der Test sicher noch für einigen Gesprächsstoff sorgen. Denn nur zwei Räder (Stevens Courier SX und Kettler Obra RT) wurden beim Test mit „Gut“ bewertet. Ganze 9 der 16 E-Bikes und damit über die Hälfte ließen die Tester mit einem „Mangelhaft“ durchfallen.
„Rahmenbruch*, Brems­versagen, Funk­störungen: Räder für mehr als 2 000 Euro machen im Test schlapp“, heißt es dazu in der Zusammenfassung (s. auch Anmerkung zum Update der Stiftung).

Zu den zahlreichen negativen Bewertungen führten laut Stiftung Warentest Sicherheitsmängel, die nach 20.000 auf dem Prüfstand simulierten Kilometern auftraten: „In einem Belastungstest über 20.000 Kilometer – das entspricht bei einer angenommenen Lebensdauer der Fahrräder von fünf Jahren einer durchschnittlichen Strecke von elf Kilometern pro Tag – kam es zweimal zum Rahmenbruch und dreimal zum Lenkerbruch. Außerdem wurden bei drei E-Bikes zu schwache Bremsen festgestellt.“

E-Bikes im Strahlentest der Stiftung Warentest

E-Bikes im Strahlentest der Stiftung Warentest

Vier der getesteten Modelle stellten sich laut den Testern zudem nach der Darstellung der Tester als ‚Störsender‘ heraus. Sie könnten damit sowohl den Funkverkehr von Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen, als auch den Radio- oder Fernsehempfang in einem Radius von bis zu 100 Metern stören.*
*Diese Aussage hat die Stiftung Warentest inzwischen auf ihrer Webseite revidiert. Siehe dazu „Warentest revidiert Aussagen zu E-Bike-Strahlung“ vom 06.06.2013.

Kritische Stimmen zum Test aus der Fahrradbranche

Derby Cycle (Kalkhoff / Raleigh) widerspricht

Deutschlands E-Bike Marktführer Derby Cycle zeigte sich in einer Reaktion „über die aktuellen Testergebnisse der Stiftung Warentest überrascht“. Warentest hatte insbesondere das Modell Impulse iR HS der Marke Raleigh wegen angeblich zu hoher elektro-magnetischer Strahlung beanstandet.

Laut Derby Cycle hat das renommierte und unabhängige Prüfinstitut SLG Prüf- und Zertifizierungs GmbH bereits 2011 einem E-Bike, das durch den verwendeten Impulse-Antrieb im wesentlichen baugleich sei, die Erfüllung aller im Rahmen der CE-Kennzeichnungspflicht nötigen EMV-Kriterien zur Abschirmung elektromagnetischer Strahlungen bestätigt. „Derby Cycle bemüht sich derzeit intensiv um eine Aufklärung des Sachverhalts und wird hierzu unverzüglich Stellung nehmen, sobald weitere Informationen zu den Testbedingungen bekannt sind“, hieß es dazu in einer ersten Stellungnahme des renommierten Fahrrad- und E-Bike-Herstellers auf der Internetseite von Derby Cycle.

FLYER weist Test-Ergebnisse (angebliche Rahmenbrüche) zurück …
… und verlängert die Garantie rückwirkend  auf 10 Jahre

„Wir hatten in den letzten 10 Jahren, in denen mehrere 10.000 Exemplare der C-Serie verkauft wurden, noch nie Kenntnis von einem solchen Fall (Anm. Red.: Bruch des Ausfallendes) Trotz sofortiger Nachfrage hat uns Stiftung Warentest nach wie vor die Testkriterien nicht zugänglich gemacht. Zum jetzigen Zeitpunkt liegen uns ebenso wenig die detaillierten Testergebnisse bzw. ein Bild / Video des gebrochenen Ausfallendes vor. Auch die genaue Testanordnung wird von der Stiftung Warentest nach wie vor nicht offen gelegt. Eine umfassende und technisch fundierte Stellungnahme ist deshalb aktuell nicht möglich. Aus diesen Gründen weisen wir die aus dem Test hervorgehenden Vorwürfe bis auf weiteres zurück.“
Detaillierte Stellungnahme von FLYER zum Stiftung Warentest Ergebnis 06/2013
In der Praxis – so die einhellige Meinung des Schweizer E-Bike-Spezialisten Biketec / Flyer, sowie Handelsorganisationen, Verbändenund Fachhändlern – kommen solche Schadensfälle an Flyer-E-Bikes allerdings nicht vor. Trotz härtester Bedingungen im Verleihalltag bei der Firma Movelo und dem hohen Alter vieler E-Bikes, die bereits seit 2003 hergestellt werden.

Garantieverlängerung auf alle Flyer-Modelle ab Modelljahr 2003
Inzwischen ist Flyer noch einen Schritt weitergegangen und verlängert seine Garantie auf die Rahmen aller Modelle ab Modelljahr 2003 auf 10 Jahre. Also auch rückwirkend. Die Garantie ist zudem übertragbar: Wenn ein Kunde z.B. ein 3 Jahre altes Flyer-E-Bike gebraucht verkauft, kann er das mit 7 Jahren Restgarantie tun. Von der erweiterten Garantie ausgenommen sind lediglich E-Bikes aus dem gewerblichen Gebrauch. Über die neuen Garantieleistungen informiert Flyer im Internet unter www.flyer.ch/garantie

Winora (Sinus) kann Ergebnisse nicht nachvollziehen

„Das Modell B3 der Marke Sinus wurde von der Stiftung Warentest in der Ausgabe 6/2013 mit der Gesamtnote 5,0 beurteilt.
Ausschlaggebend für diese mangelhafte Bewertung war ein Lenkerbruch.“ Inzwischen hat Winora Tests durch mehrere Prüfinstitute durchführen lassen und kommt zu ganz anderen Ergebnissen. Unter anderem führte das EFBE Prüfinstitut  einen sogenannten TRI-TEST, bestehend aus Ermüdungs-, Maximal- und Überlastprüfung durch. „Hierbei konnte festgestellt werden, dass selbst bei einer einseitigen Überlast von 1500 N auf den Lenker, welche jenseits des bestimmungsgemäßen Gebrauchs liegen, keine Risse oder Brüche am Lenker auftraten.“ Dipl.-Ing. Marcus Schröder vom EFBE Prüfinstitut fasst daher in seinem Prüfungsbericht zusammen: „Nach unserer Meinung sind die von uns getesteten Bauteile unbedenklich für den Einsatz an Pedelecs im Sinne der EN 15194 (EU-Norm für Elektroräder, die Red.).“
Zu den Stellungnahmen der Winora-Gruppe im Original

Verband des Deutschen Zweiradhandels (VDZ):
Ergebnisse spiegeln kaum die Realität in der realen Welt wider

In einer ersten Stellungnahme äußerst sich der VDZ kritisch zum Test. So heißt es nach Medienberichten des Branchenportals velobiz.de: „Das Fahrrad ist mittlerweile als Verkehrsmittel in der Öffentlichkeit und Politik anerkannt und fest etabliert, darum bedeuten viele dieser Ergebnisse einen großen Imageschaden für die gesamte Fahrradbranche und den Pedelec-Markt.“ Der Vorstandvorsitzender Dietmar Knust führt weiter aus: „Die Tests der Stiftung Warentest sind anspruchsvoll. Eine Blitzumfrage bei verschiedenen VDZ-Mitgliedern hat jedoch ergeben, dass die Ergebnisse kaum die Realität in der realen Welt widerspiegeln. Lenker- oder Rahmenbrüche bei aktuellen Pedelecs sind so gut wie unbekannt im Handel. Die Belastungen im Test und die widersprüchlichen Werte bei gleichen Bauteilen müssen auf jeden Fall kritisch hinterfragt werden.“

Verbund Service und Fahrrad g.e.V. (VSF):
Dramatische Testergebnisse decken sich nicht mit den Praxiserfahrungen

„Von unseren rund 230 Fachhandelsmitgliedern verkaufen 84 % seit vielen Jahren Pedelecs“, erläutert Uwe Wöll, Produktmanager beim VSF. „Allerdings kann keiner von ihnen im Vergleich zu ‚normalen’ Fahrrädern einen deutlichen Anstieg an Lenker- oder Rahmenbrüchen konstatieren.“ Das deckt sich auch mit den Erfahrungen Dirk Zedlers, Inhaber des Ingenieur und Sachverständigenbüros für Fahrradtechnik Zedler, das Fahrrad-Gutachten zu Unfallrädern jeglicher Art erstellt: „Insgesamt gibt es keinerlei Auffälligkeiten im Gutachten-Aufkommen bei Pedelecs, die die Ergebnisse des StiWa-Testes stützen würden.“

Zweirad-Industrie-Verband (ZIV):
Widersprüchliche Ergebnisse und einseitige Berichterstattung

„Für den ZIV stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, warum die von der StiWa und dem ADAC ermittelten Schäden, nicht auch in der Praxis auftreten. Sowohl eine vom Einzelhandelsverband VDZ durchgeführte Blitzumfrage, wie auch die Ergebnisse der Diskussionen in der ZIV-Arbeitsgruppe „E-Bike“, die sich seit mehr als 10 Jahren mit dem Thema beschäftigt, zeigen, dass diese Schäden nach unserem Kenntnisstand in der Praxis keine Rolle spielen.“

Große Unterschiede bei abgewerteten Modellen

Unter den „Mangelhaft“ getesteten Modellen finden sich renommierte Marken wie Flyer genauso, wie billige Supermarktmodelle. Es lohnt sich also im Einzelnen auf die Tests zu schauen und die Stellungnahmen der Hersteller abzuwarten. Schlusslicht im Test und sicher keine Kaufempfehlung ist das Modell „Leviatec Demission“ für 1.200 Euro. Hier zeigt sich einmal mehr, dass Qualität ihren Preis hat, denn neben defekten Akkus stellten die Tester einen Rahmenbruch, einen Gabelanriss, einen Hinterradbruch sowie „mäßige Bremsen“ fest.

Insgesamt positiv gestimmte Tester

Zu E-Bikes / Pedelecs im Allgemeinen finden die Tester aber auch viele positive Worte: „Insgesamt praxistauglich“ fanden sie die Modelle. Gelobt wurden große Reichweiten, guter Fahrkomfort und hoher Spaßfaktor. Mit den meisten Modellen ließe es sich zudem auch ohne elektrische Unterstützung zumindest “durchschnittlich” gut radeln.

Der ausführliche E-Bike-Test erschien in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift test und ist unter www.test.de/e-bikes für 2,50 Euro als pdf abrufbar. Einige Testaussagen der Warentester wurden inzwischen auf der Webseite revidiert, bzw. relativiert (vgl. den Artikel auf www.e-bikeinfo.de „Stiftung Warentest revidiert Testaussagen zu Störungen von E-Bikes im Funkverkehr“). Weitere Updates folgen.

Bilder: Stiftung Warentest

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3 Kommentare

  1. Ingo E. sagt:

    Hallo Radler

    Als Kalkhoff Impuls (Baugleich Raleigh Impulse) ist es mir egal
    in 1000 Kilometer die Flugzeuge vom Himmel stürzen.
    Bringt mir persönlich keinen Nachteil auf einem Störsender zu hocken.
    Ein Problem welches nicht meins ist, ist ein Problem anderer Leute (PAL).
    Und dass meine Keimdrüsem verstrahlt werden wegen dem Bike…
    Ich hab schon eine süsse Tochter, die fährt allerdings auch mit…

    Nagut… Hoffentlich fällt kein Flugzeug auf uns drauf…

    Ist für mich sowiso Voodoo, auch mit diesen Händistrahlen.
    Wer legt fest was schädlich ist? die EU? darf ich lachen!?

    Und den Feuerwehrleuten und Polizisten sei geraten, sich ordentliches
    Funkzeugs zu besorgen.

    Ich habe mir den Impuls Antrieb genau wegen diesem Quark zugelegt!

    Egoistische Grüsse!

    Ingo

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    • Hallo Ingo,

      vollkommen richtig: Bei beiden E-Bikes ist der Derby Cycle-eigene Impulse-Antrieb verbaut.

      Derby Cycle hat zusammen mit verschiedenen zertifizierten Prüfinstituten versucht die Test-Ergebnisse der Stiftung Warentest nachzuvollziehen und sich in diesem Zusammenhang nach eigener Aussage auch an die Bundesnetzagentur gewandt. Diese hätte nämlich, wäre an den Ergebnissen der Tests von Warentest etwas dran gewesen, einen Rückruf veranlassen müssen! Ergebnisse der Tests: Alles im vom Gesetzgeber erlaubten Bereich.
      http://www.derby-cycle.com/uploads/media/Pressemitteilung_Derby_Cycle_28_05_2013.pdf

      Eine weitere Stellungnahme ist in Kürze – nach Gesprächen mit den Testern selbst – zu erwarten.

      Viele Grüße

      Reiner

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